Im Käfig des Philosophen
28. Juni 2011 at 20:16 elijahrock 1 Kommentar
Im Trainingsraum, vulgo Raum für Eigenverantwortliches Denken, war der mittlere Teufel los. Doch kam er auf leisen Sohlen. Im wohlmeinenden Abstand von 5 Minuten tropften Schüler herein.
Die einen reuig. Die anderen wütend und enttäuscht, eine weitere Schlacht mit diesem und jenem Lehrer verloren zu haben. Sie sagen dann: Ich bin rausgeflogen. Ich sage: du hast dich entschieden, zu gehen, durch dein Verhalten. Das ist doch das gleiche, rufen sie. Ich bestehe auf den Unterschied. Wieder andere tragen den Trubel ihrer Gruppensause mit ins Zimmer, machen mir „Hoffnung“, X, Y und Z kämen auch gleich noch und überhaupt sei Herr B heute wieder unmöglich. Für alle gilt: erstmal runterschalten, zur Ruhe kommen, kurz registrieren, wo sie sind und mit wem sie sprechen. Mit einer am Zoff erst einmal unbeteiligten Person. Alle Aufregung, Wut, Enttäuschung und manchmal auch verquere Freude am Behindern von Unterricht kommen mit zur Tür herein und haben ihre Berechtigung. Aber nicht die, den emotionalen Salat an der Person auszulassen, die zufällig hier Dienst tut.
Ich bin vorgewarnt.
Michelle wird vorbei kommen. Vorlaut und in einer besonderen Mischung empfindlich. Ich wollte das noch zu Ende diskutieren, sagt sie. Hm, was versprichst du dir vom Diskutieren? Na, dass die Lehrerin endlich meinen Standpunkt einsieht oder übernimmt, stellt sich heraus. Aha. Dass im Tohuwabohu einer 8. Klasse Grundkurs Mathe der Lehrer der Chef ist (v.a., wenn es um Ruhe geht), kommt schwer an. Denn “Halt jetzt deinen Mund” möchte Michelle auch dann nicht hören. Sie sei, so höre ich, von ihrer Mutter dazu erzogen worden, höflich zu sein. Andere Leute aussprechen zu lassen, gehört nicht dazu, denke ich, aber weise darauf hin, dass “Halt jetzt deinen Mund” direkt, nicht übermäßig unhöflich und vom Inhalt her oder im erhofften Effekt ganz ähnlich dem gewünschten “Bitte sei jetzt still” der Schülerin ist.
Wie viele Unterrichtsunterbrechungen gibt es wohl pro Stunde, Michelle? Sie tippt auf 10. pro Stunde. Ich tippte so auf 2 pro Minute. Eine Kollegin liess neulich (angesagterweise!) mitzählen. 98 Unterbrechungen pro Schulstunde wurden notiert. Michelle staunt und erwägt, dass möglicherweise die 98. Reaktion auf eine schnatternde Michelle “halt jetzt den Mund” lauten kann. Wir einigen uns darauf, dass ihre beleidigt-Fühlen ok ist, weil sie anderes gewohnt ist. Dass ggü. 30 wilden 8ern jedoch nach vielen Störungen der freundliche Tonfall etwas verkürzt wird. Dass der Lehrer der Chef ist, da seine Rolle das so vorsieht. Tja, und wenn Höflichkeit so wichtig ist (das war mir im Unterricht mit Michelle bisher auch nicht aufgegangen), so könnte auch die Schülerseite eine Höflichkeits-Attacke starten nach dem Motto: das färbt ab!
Malte, mein neuer Gast im Trainingsraum, schon angekündigt durch Michelle. Zur Abmilderung ihrer Verantwortlichkeit, denn wenn mehrere hier her kommen, wiegt das Einzelverhalten nicht mehr so viel. Scheint es ihnen.
Naja, vielleicht wiegt gerade das kumulierte Wildverhalten einer Mehrheit von Schülern einer Klasse in einer Stunde gerade in destruktiver Weise.
Ginge das nicht auch konstruktiv? Wenn jeder so für sich damit anfinge? Michelle, du bist nur für dich hier. Eigenverantwortlich denken kann man für sich alleine. Malte ist also eine andere Baustelle. Malte kommt rein, klopft vorher, hört ein Herein. Manchmal fallen die Trainingsraumklienten einfach so zur Tür herein, nicht Malte. Also: Klopf, klopf. Herein. Malte betritt den Saal. Michelle hat Kugelschreiber und Papier erhalten und sitzt am Fenster, um ihren Plan zu verfassen. Andere Kundschaft wird versorgt, registriert, Pläne gelesen, gefeedbackt, verbessert, angenommen, kopiert, laufen gelassen, zurück ins Klassenzimmer.
Doch jetzt zu Malte. Wir kennen uns. Das hilft. Aber wir konzentrieren uns auf seinen Laufzettel. Reinrufen, Dauerreden, Unverschämtheiten. Der normale Gesprächsvorlauf würde bei Malte ggf. nicht viel bringen. Er ist im Grunde freundlich, aber seit langem auf Krawall gebürstet, legt alle Lehrer-Äußerungen für sich negativ aus, führt die Hefte mit links (soviel zur Leserlichkeit
) und provoziert gerne und mit Ausdauer durch diverse Kleinigkeiten, die zu übersehen ich mir seit langem zur Aufgabe gemacht habe (sie werden weniger…). Normalerweise würde ich mit Malte folgenden Fragenkatalog mündlich abarbeiten, den er dann in einem Plan schriftlich niederlegt:
-warum wurdest du zum 1. Mal ermahnt? (gelbe Karte)? – warum wurdest du zum 2. Mal ermahnt? (rote Karte)? – gegen welche Regeln hast du verstoßen? (positiv formuliert, 7 Stück, jeder kennt sie, und sie hängen an der Wand). – warum hast du nicht auf die Ermahnung gehört? Welche Folgen hat dein Verhalten für dich/Mitschüler/Lehrer? Was will ich nächstes Mal besser machen? — eine Vetragsklausel und Unterschrift.
In manchen Fällem ist es sinnvoll, von diesem Schema abzuweichen. Je nach Gruppen-Stärke der Kundschaft ist es nicht ganz leicht, ein sinnvolles Gespräch zu führen. Heute läuft es aber. Der krawallige Malte wird in ein paar Minuten in eine mäeutische Diskussion verstrickt.
Was ist vorgefallen? Malte schildert mir seine wahre Sicht der Dinge und gibt mir gleichzeitig eine Steilvorlage in Sachen Gerechtigkeits-Verständnis. Frau Sowieso schickt immer nur mich! klagt er. Dabei haben alle anderen auch geredet. Wir sind zu viert. Sie hat uns schon angeschaut ungefähr eine Minute lang. Sie muss gesehen haben, dass alle geredet haben. Also ich und alle anderen. – Ich gebe Malte erstmal recht. Entwaffnend.
Wir schaffen es, den Vorfall zu beleuchten, als ob wir beide Mäuschen gewesen wären. Naja, Malte. Sowie ich dich kenne, ist es dir ein leichtes, viele kleine Provokationen zu inszenieren, bewusst Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen und immer noch eines draufzulegen. Er widerspricht nicht. Mit dieser Vorgeschichte kann es sein, dass ein Dauerquatschen mit Verwarnung zum Abschied aus dem Unterricht führt. So eine Vorgeschichte bringen die anderen vielleicht nicht mit. Er nickt. Aber trotzdem! ruft er. Das ist ungerecht! Ich will nur die gleiche Behandlung, wie die anderen! Das ist mein Recht!
Sehr gut, Malte. Für mich (Fellow) war es immer eine Herausforderung, mit dir (Malte) besonders geduldig zu sein. Denn es ist recht offensichtlich, dass du, obschon clever, mit jedem und allem im Krieg stehst und jede Kleinigkeit nutzt, Öl ins Feuer zu gießen. Er schmunzelt. Kommt ihm wohl bekannt vor. Jetzt stell dir vor, Malte, hast du bemerkt, dass ich immer extra geduldig bin mit dir. Sozusagen geduldiger als mit anderen. Ist das richtig? Er nickt. Gleich behandeln hieße nach deinem Modell, mir von dir exakt genauso viel oder wenig gefallen zu lassen, wie von anderen. Sonst wäre das ungerecht von mir. Naja, sagt er. Und merkt, es wird dünnes Eis.
Stell dir vor, du hast 3 Kinder, Malte. Ein blindes, ein taubes, ein normales. Das normale Kind hat einen guten Beruf, der Blinde ist Computertechniker und kommt aus, das taube Kind hat es schwer, auch aufgrund der Kommunikation mit anderen. Du hast 2 Millionen Euro zu vererben. Wer kriegt wie viel? Malte erklärt mir, dass er auf die Zukunft schauen müsse. Dass z.B. der, der es am schwersten hat, am meisten kriegen müsste. Und der Blinde so mittel viel. Der normale auch ein bisschen was.
Aber, das ist dann doch nicht gleich, oder? Aber gerecht schon, findet Malte. Kind-gerecht.
Auf jeden Fall, so fügt Malte überzeugt an, bekäme keiner was, der sich nicht anstrengt, der nichts tut. Wer nichts leistet, dem würde er nichts geben.
Aha. Du hast jetzt noch ein viertes Kind, Malte. Einen Malte, wie er jetzt ist. Was würde der bekommen? Nichts, sagt Malte – und verlässt nachdenklich den Raum.
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1.
kaijing | 6. Juli 2011 um 14:10
was mach ich nur im herbst ohne deine geschichten?